Nein sagen lernen 1 annika kreis web

NEIN-sagen lernen Teil I

NEIN sagen – Deshalb fällt es uns so schwer

NEIN sagen fällt manchem von uns extrem schwer. Und so lassen wir uns einmal mehr zu einem JA hinreißen, obwohl innerlich alles in uns protestiert. Im Nachgang ärgern wir uns über uns selbst und möglicherweise auch über unser Gegenüber.

Ein NEIN auszusprechen kostet eben viel Überwindung – weshalb eigentlich?
Häufig ist dieses Verhalten auf unsere frühkindliche Erziehung zurückzuführen, aus der sich Konflikte mit dem Selbstwert sowie Glaubenssätze in uns herausgebildet haben, die unsere Denk- und Verhaltensmuster bis ins späte Erwachsenenalter prägen und begleiten. Diese Muster können unsere Beziehungsgestaltung und auch einen authentischen Selbstausdruck erschweren.

Konditionierung zum “Ja”-sagen

Hast Du in Deiner Kindheit und/oder in Deinem Leben wiederholt die Erfahrung gemacht, dass

sich jemand von Dir abwendet, wenn Du NEIN sagst,
Dir jemand droht, wenn Du etwas nicht tust oder
Dein NEIN nicht ernst genommen wird und Deine aufgezeigten Grenzen überschritten werden?

Dann hast Du vielleicht gelernt, dass auf Dein NEIN negative Konsequenzen für Dich folgen wie bspw. Ignoranz, Inakzeptanz oder Kränkung. So ist es kurzfristig erst einmal angenehmer, in manchen Situationen JA zu sagen, um stattdessen Akzeptanz, Zugehörigkeit, Nähe oder Gemeinschaft zu erfahren. Das sind starke Bedürfnisse, die wir alle haben. JA sagen ist eine Strategie, um sich diese Bedürfnisse zu erfüllen*.

Angst vor Ausgrenzung

Evolutionsbedingt dient unsere Zugehörigkeit zu Gruppen unserem Überleben. Deshalb priorisieren wir soziale Bedürfnisse wie Akzeptanz und Zugehörigkeit meist höher als Individualbedürfnisse wie Kreativität oder Ästhetik. Wird diese „Gruppenmitgliedschaft“ bedroht – etwa durch Konflikte in der Familie oder im Freundeskreis – reagierst Du meist stark emotional. Dein limbisches System (Sitz der Emotionen im Gehirn) übernimmt, Dein Stresssystem wird aktiviert und Dein Körper schaltet in ein “automatisiertes Notfallprogramm”. Gleichzeitig wird der präfrontale Kortex gehemmt, der für rationales Denken und Planen zuständig ist. In solchen Situationen ist ein vernünftiges Abwägen deshalb kaum möglich. Zusätzlich können negative Glaubenssätze, die Du durch wiederholte Erfahrungen auf Dein NEIN verinnerlicht hast, die emotionale Reaktion verstärken.

Widersprüchliche Bedürfnisse

Zudem sind häufig viele – auch widersprüchliche – Bedürfnisse gleichzeitig in uns präsent. So können bspw. neben Bedürfnissen wie Gemeinschaft und Austausch gleichzeitig Bedürfnisse wie Selbstbestim-mung und Ruhe in Dir wirken. Hier kommt es zum Appetenz-Appetenz-Konflikt: Beide Entscheidungsalternativen (JA oder NEIN) haben ihre Vorteile, lassen sich jedoch nicht gleichzeitig realisieren. Ein Beispiel: Ich möchte zwar etwas in der Gruppe unternehmen (Gemeinschaft), jedoch möchte ich die Aktivitäten auswählen (Selbstbestimmung). Diese ad hoc abzuwägen und just-in-time eine Entscheidung zu treffen, ist oft schwierig. Erschwerend kommt hinzu, dass uns manchmal die Verbindung zu unseren “echten” – intrinsisch motivierten – Bedürfnissen fehlt.

Verantwortung abgeben

Wir tendieren dazu, unsere Mitmenschen für die Erfüllung unserer Bedürfnisse einzubinden und geben damit die Verantwortung – und Kontrolle – über unsere Bedürfnisse ab. Dadurch umgehen wir die Auseinandersetzung mit unseren destruktiven Denkmustern bzw. Glaubenssätzen und der bewussten Konfrontation mit unseren Ängsten und treten mögliche Konsequenzen aufgrund einer “Fehl”-Entscheidung (der andere hat ja dann die Entscheidung getroffen, nicht ich) an unsere Mitmenschen ab. Interessanterweise erfüllen wir uns auch damit bestimmte Bedürfnisse:)
Dieses Verhalten verhindert jedoch ein gegenseitiges tiefergehendes Verständnis in Beziehungen und schürt so Konflikte. Deshalb ärgern wir uns in diesen Situationen auch manchmal über unser Gegenüber: “Er hätte doch merken können, dass ich eigentlich gar keine Lust darauf habe!” oder „Sie hat mich echt genötigt, JA zu sagen!“. Fakt ist: Du hast JA gesagt, um bestimmte Bedürfnisse erfüllt zu bekommen.

Fazit

In Situationen, in denen wir uns zu einem vermeintlichen JA hinreißen lassen, erfüllen wir oft dennoch ein – meist existenzielles – Bedürfnis, etwa nach Sicherheit, Zugehörigkeit oder Anerkennung.

Gleichzeitig lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Wird dieses JA möglicherweise durch alte, destruktive Denkmuster oder innere Glaubenssätze begünstigt – etwa aus Angst vor Ablehnung oder Konflikt? Dann kann ein solches JA im Nachgang zu einem inneren Konflikt führen, weil es nicht im Einklang mit den eigenen Werten oder Grenzen steht. Eine tiefere Verbindung zu Deinen Bedürfnissen kann hier für mehr Sicherheit und Klarheit sorgen.

Weshalb Du ein authentisches NEIN aussprechen solltest und wie Du ein NEIN gekonnter adressierst, erfährst Du in “Lerne, NEIN zu sagen Teil II”.

*Natürlich beeinflussen Deine Werte auch Dein Verhalten, das wäre an dieser Stelle aber zu ausufernd. Ich mache hierzu noch einmal einen gesonderten Beitrag.

Barrierefreiheits-Symbolleiste

Nach oben scrollen