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Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Die zwei Gesichter des Narzissmus

Wenn wir im Alltag einen Menschen als „Narzisst“ bezeichnen, dann meist aufgrund seines egoistischen, selbstherrlichen oder gar ausbeuterischen Verhaltens. Diese Form der narzisstischen Persönlichkeitsstruktur ist uns deutlich vertrauter als ihre weniger bekannte „Schwester“. Beiden gemeinsam ist ein gestörter Selbstwert, jedoch nutzen sie sehr gegensätzliche Strategien zum Umgang mit diesem leidvollen Umstand bzw. zur Kompensation des gespürten Defizits.

Der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Hans-Joachim Maaz prägte für diese beiden Erscheinungsformen die Begriffe „Größenselbst“ und „Größenklein“. Während das Größenselbst bspw. durch übersteigerte Selbstdarstellung auffällt und so von uns leichter als narzisstisch erkannt wird, bleibt das Größenklein oft unentdeckt – obwohl es ebenso weit verbreitet und ebenso auf die Resonanz des Umfeldes angewiesen ist.

Das Größenselbst – Es füllt den Raum mit seinem Glanz…

..denn es will als bedeutsam und wichtig gelten. Dafür kann es auf Äußerlichkeiten setzen, Statussymbole nutzen und seine Leistungen und Fähigkeiten umfänglich ausloben. Zumeist ist das Umfeld begeistert (oder manchmal auch angewidert) von dessen “Selbstbewusstsein und -sicherheit” – denn das ist es, was das Umfeld wahrnimmt, auch wenn dieses Verhalten ganz gegenteilige Gründe hat.

Das Größenselbst…

…ist getrieben von Leistungsdruck und Erfolgssucht und setzt sich regelmäßig überdurchschnittliche Ziele
…verspürt nur kurz anhaltende Zufriedenheit bei Erfolgen
…mag keine Schwächen zulassen und zugeben (hierzu gehören u.a. Fehler, das Älterwerden)
…gerät auch bei kleineren Misserfolgen schnell in eine persönliche Krise
…ist dominant in seiner Meinungsäußerung und seinem Auftreten

Das Größenklein – Es lässt seinen Glanz nicht zu…

…denn es will an seinem negativen Selbstbild festhalten, welches es in frühen Kindertagen aufgebaut hat. So fühlt es sich sicher und mit diesem provoziert und erfährt es möglicherweise vom Umfeld Zuwendung und Hilfe – nicht weil es etwas anderes über sich glauben mag, sondern weil es sein negatives Selbstbild bestätigt braucht.

Das Größenklein…

…wertet sich im Außen und Innen permanent ab (z.B. öffentliche Selbstanklagen) bis hin zur Selbstschädigung
…lässt Unterstützung, Zuspruch oder Anerkennung kaum oder gar nicht zu
…stellt sich nicht selbst dar und redet eigene Erfolge herunter
…empfindet schnell Kränkung
…wertet Zuwendung oder Anerkennung mit Ironie bzw. Zynismus ab (“Das war ja nichts Besonderes”) oder reagiert darauf mit Beleidigungen oder Streitgebaren

Zwei Extreme, viele Nuancen

Es ist wichtig zu betonen, dass die hier beschriebenen Erscheinungsformen narzisstischer Problematik – „Größenselbst“ und „Größenklein“ – Extreme darstellen, die im (Praxis-)Alltag eher selten auftreten. Viel häufiger begegnen uns mildere Varianten, die nicht notwendigerweise die Kriterien für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung gemäß den medizinischen Klassifikationssystemen erfüllen.
Typisch ist, dass Betroffene zwischen grandiosen und verletzlichen Selbstanteilen hin und her wechseln, um ihre Defizite im Selbstwertgefühl situativ auszugleichen. Dieses Wechsel-spiel dient häufig der psychischen Stabilisierung, der Vermeidung von (Selbst-)Schädigung und der Aufrechterhaltung eines kohärenten Selbst- und Weltbildes.
Beide Formen können sich in zwischenmenschlichen Beziehungen manifestieren, die nicht selten dysfunktionale oder toxische Dynamiken entwickeln.

Fazit

Im Größenselbst dürfen das Bedürftige, das Schwache und das Begrenzte keine Rolle spielen. Im Größenklein dagegen lassen sich das Gute, die Ressourcen, die Fähigkeiten und Kompetenzen nicht geltend machen.”
Dr. Hans-Joachim Maaz

Der gestörte Selbstwert, der einer narzisstischen Störung zugrunde liegt und u.a. das Ergebnis frühkindlicher Erfahrung sein kann, kann zum einen durch ein übersteigertes Bedürfnis und buhlen nach Anerkennung, zum anderen durch eine kontinuierliche und zerstörerische Selbstentwertung zum Ausdruck kommen. Beide Formen sind auf die Resonanz und Mitwirkung des Umfeldes angewiesen. Das gewohnte Verhalten bzw. das Selbstbild wird zum Schutz aufrecht erhalten, da die Bewusstwerdung der frühen, erfahrenen Verletzung sehr schmerzvoll wäre. Bei der Aufarbeitung ist deshalb eine begleitende psychotherapeutische Unterstützung empfehlenswert.

1 u.a. in Maaz, Hans-Joachim: Die narzisstische Gesellschaft – Ein Psychogramm. Verlag C.H. Beck (2012)

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